Plauen-Wismar

zurück zu Reisebeschreibungen

 

Mittwoch Abend des 31.Mai 2000 hielt mich nichts mehr und ich beschloß kurzfristig noch am selben Tag aufzubrechen. 21 Uhr saß bzw. lag ich (weil diesmal mit Liegerad) und los ging's.
Am Stadtrand von Plauen rechts in Richtung Greiz. Wundervolle Strecke-weil so gut wie nur bergab. Langsam aber sicher wird es dunkel und ich sehe zu, daß ich alle Lampen und Reflexstreifen, welche ich mein Eigen nenne, zum Besten geben kann. Im Lichtkegel der Kfz. sehe ich bestimmt aus wie ein Weihnachtsbaum. Na besser so, als im Streifen "der unter'm Rad lag" mitgespielt.
Greiz liegt hinter mir und da fällt mir doch spontan ein ganz schlechtes Wort ein -- Gommlaer Berg! -- Die 12%ige Steigung setzt mir ganz schön zu, aber schieben ist nicht. Punkt 23 Uhr, die ersten 60 km sind hinter mir und ich war in Gera. Merklich abgekühlt (unter 10 Grad Celsius) mußte ich mir die Jacke drüberziehen - die erste Banane wird verspeist. Von Gera - Langenberg in Richtung Zeitz nochmal ein nicht endenwollender Berg, diesmal nur 8%.
Ein besonderes Lob an dieser Stelle an die Autofahrer (schnell aber rücksichtsvoll).
In Zeitz angekommen durfte ich wegen eines Brückenneubaus eine Umleitung von 15 km in Kauf nehmen (ätzend!). Nach Weißenfels am Braunkohlekraftwerk vorbei - da gab es mal wieder etwas Ablenkung (schöne angestrahlte Industrieanlagen) nach dem monotonen Fahren in der Dunkelheit. Und dann es sah schon fast ein bischen ufomäßig aus in dieser pechschwarzen Nacht. Dieses Leuna - diese riesige beleuchtete Chemiestadt. Einfach gigantisch. Trotzdem so langsam nahm die Konzentrationsfähigkeit immer weiter ab. Ich ertappte mich beim "Sekundenschlaf". Am Leunagelände fuhr ich einfach an den Zaun, lehnte mich dran und schlief fast augenblicklich ein. Aber nur 'ne halbe Stunde, dann wehrte sich mein Ganzes gegen die Kälte von 4 Grad Celsius. Eine ordentliche Runde Rumhopsen war vonnöten, um halbwegs wieder Lebensgeister in mich reinzukriegen.
In Merseburg war die erste Tankstelle, welche mir einen heißen Topf Kaffee servierte, die meine. Zwei halbseidene Kunden, die mein exotisches Gefährt begutachteten, erwiesen sich als harmlos. Wollten halt Spaß. Na gut.
Gegen 06 Uhr war ich auf sauschlechten Radwegen im Stadtzentrum von Halle eingetroffen. Nach kurzem Irrweg weiter auf die B6. Doch was ist das? Die B6 wird zur Autoschnellstraße und damit für mich als Radfahrer passe'. Naja 06.30 Uhr und dann noch Feiertag. Die größere Anzahl von Autofahrern sollten doch an diesem Tag mit Bierfaß und Leiterwagen unterwegs sein. Na dann los!
Die Strecke nach Magdeburg zog sich elende. Lange Autokolonnen von Feiertagsausflüglern nervten mich. Ich mußte erstmal runter von der Straße und ein Stündchen ruhen. Etwas besser drauf und zur besten Mittagszeit sah ich das Drama von Magdeburg. Die selbe Sch...ande wie in Halle. Die Bundesstraße wurde einfach mal so zur Autoschnellstraße - Stadttangente in Magdeburg genannt. Ein Blick auf den Stadtplan ließ mir zwei Möglichkeiten. Ziemlich lange durch die einzelnen, kleinen Straßen aus der Stadt zu pilgern oder halt mal die " Tangente " zu probieren. Mit 30 bis 35 km/ Stunde 'raste' ich in 20 min. durch die Stadt. Anfangs dachte ich, daß es in MD sehr viele Anhänger der Liegeradszene gab, aber das Hupen brachte nur ihren Unmut zum Ausdruck, mich auf 'ihrer' Autobahn dulden zu müssen.
Wieder runter von der Schnellstraße, kehrte ich in Groß Warnow im "Dat Wagenrad" ein. Der Wirt meinte, daß im Normalfall jeder der nicht auf die Stadtautobahn gehört auch weggefangen wird. Waren sie ( die Polizei ) bestimmt unterbesetzt. Man muß auch mal Glück haben.
Frisch gestärkt ging der Weg weiter über Wolmirstedt nach Stendal. Der Tacho zeigte 300 gefahrene Kilometer an und mein Körperzustand unmißverständlich auf ausgepowert. Nach einigen vergeblichen Versuchen in einer Pension unterzukommen, nahm ich in der Innenstadt das erstbeste Angebot an. Selbst der Preis/Übernachtung von DM 115,- war mir sch...egal. Essen, Duschen und ins Nest. Mehr war nicht drin.

schöner Weg Richtung Perleberg Am nächsten Morgen, Freitag früh, konnte ich fast nicht mehr laufen. Dies kannte ich noch von Norwegen- die Knie waren überanstrengt. Was tun? Aufgeben? Nach Hause fahren? Ich versuchte es mit Verlängern des Liegerades, sodaß ich meine Beine beim Treten voll strecken mußte und die Knie bekamen eine Ladung Arnikaspray. Das Fahren ging auf alle Fälle besser als das Laufen. Seltsamerweise war nach einigen Kilometern das Problem mit den Knien so gut wie behoben.
Alter Hafen in Wismar In einem Waldstück, kurz vor Perleberg, begegnete ich zwei älteren Radfahrern, die noch nie ein Liegerad gesehen hatten. Die Kamera gezückt und die zwei probesitzen lassen, war wohl die Tageserfüllung der beiden. Jedenfalls freuten sie sich mächtig, daß ich ihnen die Fotos zuschicken wollte.
Die B5 verließ ich hinter Ludwigslust in Richtung Schwerin, wo ich nachmittags 16.30 Uhr eintraf. Das Schild " Wismar 36 km " gab mir nochmal zusätzliche Kraft. Ohne Zeit zu verlieren startete ich durch. Auf halber Strecke mußte ich noch mal pausieren, weil wohlriechende Düfte mir die Weiterfahrt versperrten.
Der Endspurt war dann ein bischen unspektakulär. So richtig ostseetypisches Land ist es um Wismar nicht. Es sieht schon eher aus wie im Vogtland. Und dann auf einmal - Ortseingangsschild " Wismar ". Und der Hafen - die Ostsee. Naja, da war ich dann nach 23 h : 36 min reiner Fahrtzeit (insgesamt 46,5 h) und 498 km am Ziel.
Und das Beste an dieser Fahrt war, ich stieg vom Rad und mir tat nichts - aber auch gar nichts weh.

 

 

nach oben | zurück