Trondheim - Oslo

zurück zu Reisebeschreibungen

Troll das Land - die Strecke
Für Radprofis ist die Tour de France das Nonplusultra. Für Hobby- und Tourenfahrer mit Ambition lautet die ultimative Herausforderung: Trondheim - Oslo. 550 km non-stop, für Nicht-Radsportler ist das unvorstellbar. Bei einem Schnitt von 30 km/h bedeutet das über 18 Stunden im Sattel zu sitzen - ohne Pausen. Dazu noch das unberechenbare Klima des Nordens. Irgendwo auf der langen Strecke regnet es fast immmer. Und oft kommt der Niederschlag auf dem hochgelegenen Streckenteil noch als Schnee herunter. Vereiste Schnurbärte und gefrorene Bidons haben das Bild der Veranstaltung mehr als einmal geprägt - und ihren Mythos gefestigt. " Den Store Styrkeproven ", die große Kraftprobe, ist deßhalb der eigentliche Name der Fernfahrt, welche seit 1967 ausgetragen wird. Was damals mit 121 Unentwegten auf zum Teil noch nicht asphaltierten Straßen seinen Anfang nahm, ist inzwischen ein regelrechtes Massenspektakel geworden. Im bisherigen Rekordjahr 1992 gingen mehr als 5200 Fahrer an den Start ... (Tour 9/97)

Genau diese Zeilen las ich vor ungefähr zwei Jahren. Und sie ließen mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Also nahm ich mir für's vorletzte Jahr in diesem Jahrtausend ( 2000 ist ja das letzte ) diesen Marsch vor. Einem kleinen Reiseanbieter übergab ich die ganzen Anmeldungen. die Schnellen Bemerken muß ich noch, das die Faszination dieses Marathons durch den Umstand hochgehalten wurde, das alles, was muskelgetrieben war, teilnehmen durfte. Also auch Liegeräder, welche bisher in beträchtlicher Anzahl starteten. Ich also meinen Trainingszustand versucht zu verbessern sooft und so gut es halt ging.

Hier an dieser Stelle - Vielen Dank! an meine family -

Tja, dann eines schönen Tages kamen die Teilnahmeunterlagen - und ich hab' dann schon gedacht - mein Hamster bohnert mich. Keine Starterlaubnis mehr für Liegeräder. Ich dort angerufen. Nichts zu machen. Fazit: sie wären bei den Abfahrten wohl zu schnell, und das Risiko ist zu groß. Schweren Herzens tauschte ich meinen Lieger gegen das Trekkingrad.

Der 22. Juni 1999 kam in greifbare Nähe. Am Samstag ging's nun endlich los. Konnte es gar nicht erwarten bis der Zug fuhr. Aber dann dauerte es mir doch zu lange und ich radelte los, wenigstens von Plauen bis Reichenbach/i.V.. Kurz vor'm Bahnhof plötzlich ein Gejohle und Gekichere. Bekannte von mir hatten mich erkannt, nachdem sie (Sylvia) meinte: " Was'n das für'n geiler Body? ". Ich nahm es dann mal als Kompliment hin. Nach Berlin-Tempelhof zu kommen war gar nicht so einfach, aber ich hatte alle Zeit dieser Welt. Früh 8 Uhr ging der Flieger. Zwischenlandung in Kopenhagen und weiter nach Oslo. Es war faszinierend wie schnell man doch eine weite Strecke überwinden kann, wo doch für eine sehr viel kürzere viel mehr Zeit gebraucht wird ( Reichenbach-Berlin ). Oslo - Trondheim

Da stand ich dann in Oslo-Airport und bastelte mein Fahrrad wieder zusammen. An einer Tankstelle erstand ich eine kleine aber teure Straßenkarte. Sollte mich noch an die hießigen Preise gewöhnen. Dann halt Richtung Trondheim. Ja, ich bin ja eine Woche eher gefahren und dachte mir: eine Woche von Oslo nach Trondheim und in etwas mehr als einem Tag wieder zurück.

Der erste Tag in Norwegen brachte mich ungefähr 50 km weit, der zweite etwas mehr als 80. Es ging nicht so richtig vorwärts, weil ich die eine Straße, welche ich mir ausgesucht hatte (es gab keine andere) als Autostraße ausgeschildert war. Die war aber für Radfahrer passe. Also mußte ich entlang dieser Straße links bzw. rechts die Berge rauf und runter. Und dann war er hin. Der A..., der Hintern war ziemlich übel aufgerieben. Da kamen mir schon Gedanken, wie, ein rohes Steak auf den Sattel legen oder so. Bis Lillehammer konnte ich mich noch motivieren, habe es dann aber doch eingesehen.

Na jedenfalls bin ich in Lillehammer in den Zug gestiegen und bis Trondheim aus dem ehrfürchtigen Staunen, welche Strecke ich bewältigen will, nicht mehr rausgekommen. Der Zug fuhr nämlich haargenau an der Strecke entlang, die ich auch fahren wollte, allerdings mit dem Rad. War schon gigantisch. Links und rechts gingen beachtliche Felsmasive in die Höhe, dazwischen eingebettet die Straße Nr.6, die Zuggleise und ein Fluß. Bhf.Trondheim 23.15 Uhr Angekommen in Trondheim war irgendetwas komisch. Klar, es war nicht finster, obwohl die Bahnhofsuhr 15min nach 23Uhr anzeigte. Sozusagen volle Sonne. War mir aber recht, kannte mich eh nicht aus. Das Hotel fand ich in erstaunlich kurzer Zeit ( Pluspunkt für die Reiseagentur ).

In der Abstellkammer vom Hotel waren schon zwei Räder, welche auch Größeres vorhatten. Es gribbelte schon leicht. Aber erstmal war Erholung und sightseeing angesagt. Schließlich mußte ich mich hegen und pflegen. Mit jedem Morgen saßen mehr Leute beim Frühstück, die so aussahen wie ich. Am Nachmittag davor durften wir dann endlich unsere Startnummern, und was neu war, ein Bauteil mit Computerchip, abholen. Der Chip beinhaltete persönliche Infos, die Startnummer und die Startzeit. Unterwegs mußte man zwei Konntrollstellen durchfahren, daß man nicht disqualifiziert wurde. Wegen Abkürzungen und so.

kein Anschiß unter dieser Nummer Ich trug die Startnummer 2749 und meine Startzeit 9 Uhr 35 min.
Der Tag X. Früh 7 Uhr verlautete das Startsignal. Die ersten der Altersklasse ab 60 Jahren traten in die Pedale. Von nun an wurden alle 5 min. 70 Fahrer auf die Piste geschickt. Gegen 8 Uhr startete die sogenannte Rekordgruppe mit Polizeieskorte. Das Ziel dieser Gruppe bestand darin, den 1990 vom Schweizer Ex- Profi Gilbert Glaus aufgestellten Streckenrekord von 13 Stunden 54 Minuten einzustellen. Und für die ersten drei auf dem Treppchen winkt auch ein Preisgeld. Ich wäre ja schon froh, wenn ich die Strecke überhaupt heil überstehen würde.

7 Uhr Start Meine Zeit war auch ran. Strahlender Sonnenschein bei 22 Grad Celsius.- Und GO !- Also irgendwie fand ich, daß ich in der falschen Gruppe war. Ratz fatz waren die auf und davon. Es dauerte nicht lange und die darauffolgende Karawane tat das Gleiche. Waren sie halt doch schneller als ich. Das großflächige Überholen ließ dann aber nach. Ich fand meinen Tritt und kurbelte km um km durch eine grandiose Landschaft. Ich war zwar auf der Suche nach einem guten Hinterrad, wie man so schön sagt, aber es war weit und breit keines zu sehen. Jedenfalls keins, welches in meiner Geschwindigkeit fuhr. Nach ca. 50 km hielt ich so langsam Ausschau nach Hinweisen auf eine Matstasion. Das sind hier die Verpflegungs- oder Raststationen. Es kam nichts. was bedeuten schon schnöde Zahlen Mein Magen knurrte schon bedrohlich und nach 70 gefahrenen km wurde ich langsam unruhig. Da endlich das erlösende Schild bei Kilometer 80 "noch 1 km bis Matstasion ". Ich aber reingehauen die Herden von Wurstbemmen und Bananen. Schnell noch eine Wegzehrung in die Jacke gewickelt und den Trinkrucksack aufgefüllt, diesmal nicht mit schnödem Wasser, sondern mit dem Produkt des Veranstalter-Sponsors XL-1. Ist so'n Isotonischer PowerTrink. Hm, lecker. Ja die 10 min, die ich mir als Pausenzeit gesetzt hatte, waren rum und weiter ging es. Noch etwas unerfreuliches. Mein Hintern mit seinen, und damit auch mit meinen, Schmerzen meldete sich zurück. Das stimmte mich schon einigermaßen nachdenklich, wenn ich bedenke, daß die größte Strecke schon noch vor mir liegt. Ein gutes Mittel ist Ignoranz. Funktioniert nicht immer, aber oft. erste Rast Die zweite und alle anderen Matstasionen lagen dann so um die 50 km auseinander. Verpflegung für unterwegs brauchte ich mir keine mehr einzustecken, es reichte immer dicke bis zum nächsten Halt.

Nach ungefähr 7 Stunden Fahrzeit bin ich auf dem höchsten Punkt der Tour angekommen. Hierkinn - 1022m ü.NN . Der anstrengendste Teil mit einem fünf bis sieben Prozent steilen, relativ langen Anstieg liegt damit hinter mir. Seit einer halben Stunde regnet es. Die Temperatur ist bis auf 6 Grad Celsius gesunken. Alles ist kalt und klamm. Diesmal schaffe ich es das erste Mal nicht nach 10 min weiterzufahren. Ein paar bekannte Gesichter (von der Tour halt) sehe ich schon wieder. Vielleicht kann man ja später mal 'nen Schwatz halten. Jetzt muß ich erst mal von diesem unwirtlichem Ort fort. Ich habe alles angezogen was ich mit habe. Hm, Regen peitscht in's Gesicht. Meine Radhandschuhe sind nicht nur durchgeweicht, nein sie sind auch noch abgefärbt - schwarz - sieht interessant aus. Weiter geht die Fahrt über das Dovrefjell, ein von schneebedeckten Zweitausendern umgebenes, baumloses Hochplateau. Der Regen zog sich noch über 5 Stunden hin, aber ich habe es gar nicht mehr so wahrgenommen. Konnte eh nichts dagegen machen.

Ab und zu habe ich unfreiwillige Führungsarbeit zu leisten. Da fährt so ein Troß von Rennrädern hinter mir her und läßt sich die Steigung hochziehen. Kein Problem, wenn nach einer gewissen Zeit ein anderer die Führung übernehmen würde. Aber weit gefehlt. Ich fahr nach links- die ganze Meute hinter mir her. Wieder nach rechts- das gleiche Spiel. "Wißt Ihr was?-Gehe ich halt schi...! (für kleine Jungs)". Dann mußten sie ihren Bambes doch alleine machen.

Dann nach ein paar Kilometern habe ich doch noch eine Mitfahrerin, welche auf meinem level fuhr, aufgegabelt. Im stillen Einvernehmen schleppten wir uns drei Matstasionen vorwärts. Igendwo vor Lillehammer trennten sich unsere Wege. Dafür traf ich eine Dreier-Radgruppe (zwei mal männlich + einmal weiblich) aus Deutschland. Der eine fuhr die Strecke schon zum dritten Mal. Sein Rad war eine Sonderanfertigung mit dem Schriftzug "Trondheim - Oslo". Die Kirsche wunderte sich, daß ich bei diesem Marsch als Hobbyfahrer mit einem Trekkingrad aufwartete. Man kann ja mit allem Möglichen fahren - Hauptsache ankommen!

norwegische Fan-Gemeinde Irgendwann in der Nacht (hier in Lillehammer war es auf alle Fälle finsterer als in Trondheim - aber ich brauchte noch keine Radlampe!) kam ich zu dem Punkt, also Matstasion Lillehammer, wo ich hätte aufhören können - und ich hätte es laut Veranstalter trotzdem geschafft. Wollte ich ja nicht. Ich jedenfalls dort angekommen, war es mir speiübel. Wahrscheinlich von den 5 Litern XL1 Powertrink. Wieder etwas auf der Genesungsstrecke, saß ich da und merkte, wie ich langsam immer öfter daran dachte, vielleicht doch etwas zu schlafen. Lethargisch sah ich zu, wie ein Radfahrer zur Tür herein kam und durch seine Radschuhe und den glatten Fliesenboden zu Fall gebracht wurde. Zwei Helfer eilten zu ihm und brachten ihn in den Schlafsaal. Hm, er hatte es geschafft.

Ich gab mir'nen Ruck, stand auf und rauf auf's Rad. Und die Schmerzen! - es gab keine Stelle mehr die nicht wehtat. Nach paar hundert Metern schaltet das Gehirn wahrscheinlich ab. Nach Lillehammer mußte ein Kontrollpunkt durchfahren werden. Der laute Kontrollton machte einen augenblicklich munter. Ein paar Minuten später fragt mich doch tatsächlich einer, ob nach Lillehammer eine Kontrolle war. Ich bejahte, und er wie der Teufel zurück. Ob sich seine Abkürzung gelohnt hat? Unterwegs am Wegesrand saßen norwegische Fans an ihrem Picknicktisch fahnenschwenkenderweise und feuerten jeden an, der radelnd an ihnen vorrüberfuhr. Das gab nochmal Kraft. Zum Frühstück traf ich wieder auf die deutsche Dreiergruppe. geschafft Das nächste moralische Ziel waren die 500 km auf dem Fahrradcomputer. Na und die letzten 50 km zogen sich allerübelst. Das sprichwörtliche Wellblechprofil vor Oslo schlug erbarmungslos zu. Die letzten 10 km mußten wir auf die Autobahn (für uns abgegrenzt). Das hat geschlaucht. Aber so 5 km vor'm Ziel bin ich nochmal so richtig eifrig geworden, sozusagen die letzten Kraftreserven in die Waagschale geworfen. Im Ziel angekommen, kam sofort über Lautsprecher meine Kennung durch. Ein Mechaniker entfernte den elektronischen Schaltkreis und fotografierte mich auf meine Bitte hin.

Das war der große Marsch. Der Rest ging dann ziemlich unspektakulär über die Bühne - Erinnerungsmedaille abholen - Klamotten fassen - Hotel suchen - zu Hause anrufen und schlafen. Anrufen hätte ich fast nicht mehr geschafft, weil die erste Telefonzelle kaputt war, in der zweiten ein Dauertelefonierer stand und ich dummerweise zwischendurch im Hotel geduscht hatte, wonach ich langsam aber unaufhörlich in mich zusammensank. Ich konnte gerade noch sagen, daß ich's geschafft habe, bevor mir das Gesicht vor Überanstrengung eingeschlafen war.

Objekt der Begierde Erwähnenswert wäre vielleicht noch, daß ich eine ganze Woche gebraucht habe, bis ich mich wieder normal bewegen konnte.

Da kommt doch der Bemerkung,- Sport ist Mord - Massensport ist Massenmord - Olympiaden sind kleine Weltkriege-, eine ganz neue Bedeutung zu.:-))

Als ich nach einiger Zeit die Auswertung vom Veranstalter des Marathons in den Händen hielt, las ich amüsiert, daß ein 74jähriger eine halbe Stunde schneller war als ich.

Auch kein Beinbruch. Dabei sein ist Alles! - und das war es auch.

(Dieser Text wurde sowohl nach den Regeln der alten als auch der neuen Rechtschreibung erstellt!:-)

 

 

nach oben | zurück